Von Gisela Schütte. – Der eine müht sich ein Leben lang um gesundes Essen und Bewegung und erleidet doch einen Herzinfarkt. Der andere raucht seine Zigarettchen, wie Jopie Heesters, und wird steinalt. Das ist ungerecht. Und Folge der Vererbung! Das haben Lübecker Wissenschaftler herausgefunden- sie wollen die Mechanismen der lebensbedrohlichen Herzkrankheit entschlüsseln.

 

Dass nicht nur die bekannten Risiken Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel, Diabetes und hohe Blutfettwerte das Risiko für Arteriosklerose und Herzinfarkt erhöhen, ist seit langem bekannt, auch dass Vererbung eine Rolle auf dem Weg zum Herzinfarkt spielt. Welche Gene aber dafür verantwortlich sind – das wusste man bislang nicht. Forscher des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein haben nun gleich ein gutes Dutzend von Gen-Varianten identifiziert, die ganz eindeutig eine Rolle beim Infarkt-Risiko spielen. Das berichtet Professor Heribert Schunkert, Jahrgang 1959, Chef der Zweiten Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie am Campus Lübeck.

Die Wissenschaftler haben systematisch das Erbgut von Probanden mit Millionen genetischer Marker ausgelotet. Im Vergleich zwischen Tausenden von Gesunden und von Herzinfarktpatienten konnten die Forscher dann eine Reihe von Genabschnitten identifizieren, die offenbar bei der Arteriosklerose am Herzen eine Rolle spielen. Möglich sind solche Untersuchungen  erst seit kurzer Zeit, da die Entwicklung von DNA-Chips die gleichzeitige Analyse von einer Million über das gesamte Erbgut verteilten Genvarianten (so genannte SNPs) technisch überhaupt erst durchführbar gemacht hat. Diese methodische Innovation hat die Suche nach vererbbaren Krankheitsursachen revolutioniert.

Dabei arbeiten die Lübecker eng  mit britischen Kollegen der Universität Leicester zusammen.  So konnte im Laufe der beiden vergangenen Jahre nach und nach etwa ein Dutzend von Genkandidaten dingfest gemacht werden, die beim Infarkt eine Rolle spielen.

Das Projekt wird von der EU unter dem Namen „Cardiogenics“ über vier Jahre mit insgesamt zehn Millionen Euro (bis 2011) und vom Nationalen Genomforschungsnetzwerk (NGFN, bis 2013) mit weiteren vier Millionen Euro gefördert. Beteiligt sind europaweit renommierte Zentren. Die Koordination der beiden Großprojekte liegt in Lübeck bei Schunkert.

Hintergrund für die Forschung ist die Tatsache, dass Jahr für Jahr in Europa rund 750.000 Menschen an einem Herzinfarkt sterben. Nach den ersten Tests in Deutschland und Großbritannien wird die Forschung jetzt globalisiert, um weitere verantwortliche Gene verlässlich identifizieren zu können.

Allerdings: Praktisch jeder Mensch in unserer Bevölkerung trägt mehr oder weniger viele dieser vererbten Risikofaktoren. Damit legt die genetische Disposition ein mehr oder weniger starkes Fundament, auf dem die weiteren Ursachen wie Umweltfaktoren und Rauchen aufsetzen. Doch wie genau die unterschiedlichen genetischen Faktoren im Konzert mit äußeren Einflüssen zum Herzinfarkt führen, ist völlig offen. Familienstudien lassen zudem erkennen, dass bislang nur rund zehn Prozent der Erbfaktoren überhaupt entdeckt worden sind. Es bleibt für die Gruppe von Schunkert also noch viel zu tun. Ziel der Forschungen ist weniger ein Risikotest, sondern in der Entschlüsselung des Krankheitsgeschehens. „Das ist unser Hauptziel“, sagte Schunkert. Es gelte, das Zusammenspiel der Risikofaktoren aufzudecken. „Gene und Lebensweise, Blutfette, Rauchen, Diabetes – das Ganze funktioniert offenbar wie ein Dominoeffekt.“ Erst wenn man diese Abläufe der Krankheit kenne, könne man auch die Bedeutung der unterschiedlichen Risikofaktoren einstufen und das wiederum habe bedeutende Auswirkungen auf Präventionsmaßnahmen.

Die Suche nach den Mechanismen der Arteriosklerose und des Herzinfarkts geht unterdessen im Labor weiter. Dort wird anhand der identifizierten Gene weiter geforscht.

Foto: Fabian Hammerl