Von Silvia Meixner.– Er ist das Stehaufmännchen der Webwelt: Morten Lund, Gründer von Skype, ist offiziell pleite. Auf dem Jahreskongress von www.utopia.de in Berlin wurde er trotzdem wie ein Retter bejubelt und gefeiert.  Die Lohas, Menschen, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben, brauchen neue Helden.

Mit Skype ist der 38jährige Däne reich geworden, mit dem Crash einer Gratiszeitung hat er Anfang des Jahres 140 Millionen Euro in den Sand gesetzt, den Offenbarungseid geleistet. Er hat dennoch gute Laune wie ein Popstar. Und er geht mit offenen Augen durchs Leben. „Berlin ist eine tolle Stadt“, bescheinigt der Utopia-Gastredner den Hauptstädtern, „auf dem Weg vom Flughafen habe ich viele Reklameschilder für Swinger-Clubs gesehen.“  Hingehen, so beteuert er später im good-stories.de-Interview, würde er nicht. Seine Freundin sei mit in Berlin und die stehe nicht auf Swingerclubs. Er lacht und zündet sich eine Zigarette an. Das Leben geht weiter, immer, irgendwie.

Der Däne hat jenen Charme, der Menschen befähigt, den Eskimos Kühlschränke zu verkaufen. „Ich bin 38- ich komme wieder“, sagt er. Die 90er-Jahre waren toll, eine einzige Party. Er, der schon als Schüler Firmen gründete – unter anderem für Utensilien, die der Durchschnittsdäne für seine Abiturfeier braucht- sagt jetzt, 2009: „Ich vermisse nichts.“ Im Gegenteil. Seine vier Kinder freuen sich, dass Papa jetzt mehr Zeit für sie hat. Und wenn er, nach einer Atempause wieder häufiger, auf Geschäftsreisen ist, frühstückt er via Skype mit ihnen. Jeden Tag. Unterwegs lässt er, der früher großzügig die Rechnungen bezahlte, sich nun einladen. „Ich habe kein Geld“, sagt er und grinst dabei wie ein kleiner Junge, dem gerade ein besonders guter Streich gelungen ist. „Ich bin von den Gastgebern eingeladen, die bezahlen meinen Flug, mein Hotel.“ Peinlich ist ihm das nicht. Stehaufmännchen sind so. Stehaufmännchen müssen so sein. Immerhin hält er Beteiligungen an 40 Startups, sein Haupt-Unternehmenssitz heißt „Everbread“ und liegt in London. Und außerdem: Es gibt eben immer Ups and Downs. Fucking life. Fuck und fucking sind seine Lieblingswörter, sie ziehen sich durch seine Rede und es klingt trotzig-beleidigt, aber nur ein bisschen, wenn er Sätze sagt  wie: „I believe in changes.“ Klappt das eine nicht, klappt das nächste. Schare die besten Leute um Dich, bezahle sie nicht in Bananen, und mach‘, verdammt noch mal, einen fucking Businessplan. Nicht, weil Du ihn brauchst oder eine Ahnung davon hast – aber die Investoren werden danach fragen. Die wollen nämlich nur eines: Geld verdienen.

Eine 20-Minuten-Rede von Morten Lund ist Labsal. Im Radialsystem in Berlin sitzen am Kongresstag viele Menschen, die viel Geld verloren haben. Und die die Worte Lunds wie die Worte eines Messias aufsaugen. Fuck you. Auch die Gründerin der Webseite www.utopia.de, Claudia Langer, ist krisengebeutelt: „Wir haben 2009 Sponsoren verloren, mussten Mitarbeiter entlassen. Manchmal geht es nur ums Überleben.“ Utopia.de wird überleben. „2010 wird unser Jahr“, sagt Claudia Langer. Die Seite hat sich etabliert als Internet-Treffpunkt für Lohas (Lifestyle of health and sustainability) und kritische Konsumenten. Die Community berät, welches Auto oder welches T-Shirt gekauft wird und wohin die nächste Urlaubsreise geht: Was ist p.c., womit schonen wir die Umwelt? Man kann das, Lo-ha-ha-!, belächeln. Man kann es aber auch ernst nehmen. Immer mehr Unternehmen tun das, sonnen sich im Glanz einer guten Welt mit Konsum, aber eben gutem Konsum (so es den überhaupt gibt). Denn auch ein guter Mensch zu sein, kostet Geld und braucht viel PR-Arbeit.

Wichtig, so Marten Lund in seiner Rede, sei allein, dass man das Achterbahnfahren beherrsche: „Du darfst niemals in der Talsohle bremsen. Dann brauchst Du zu viel Energie, um den Berg zu schaffen.“ Also weiterfahren, koste es, was es wolle. Und schön festhalten. Ihm jedenfalls haben die Steherqualitäten nicht geschadet. „Ich kann erzählen, was ich will, die Leute hören immer zu“ sagt er. Jede „fucking Tür“, durch die er gehen wolle, öffne sich für ihn. Er ist ein Paradiesvogel der Webwelt. Einer, der auch nachdenkt. Deutschland bescheinigt er im good-stories.de-Interview eine rasche Erholung von der Krise: „Die Deutschen sind fleißig. Hej, die haben die Wiedervereinigung geschafft ohne pleite zu gehen, das war super!“ Um Amerika mache er sich mehr Sorgen: „Die brauchen noch Zeit. Zumal sie ja schon wieder mit den Kreditkarten shoppen gehen.“  Unbelehrbar wie Kinder. Und er erzählt die Geschichte eines amerikanischen Bekannten: „Als seine Oma starb, fanden sie bei ihr 70 Kreditkarten. Das kann nicht gutgehen!“