Kraene ueber BerlinVon Silvia Meixner. – Hartz IV feiert Geburtstag! Ich bin nicht sicher, ob man gratulieren sollte oder müsste. Seit zehn Jahren gibt es das Projekt, in der „Berliner Zeitung“ lese ich, das Berlin die „Hauptstadt der Alimentierten“ sei. Jeder sechste Berliner ist auf Leistungen der staatlichen Grundsicherung angewiesen, das ist bundesweiter Rekord. Berlin hat mit 14,4 Prozent bundesweit auch die höchste Jugendarbeitslosigkeit, fast jeder zehnte Schüler verlässt die Schule ohne Abschluss. Niemand regt sich groß darüber auf, es ist eben so. Und nur so ist gewährleistet, dass das mit den Alimentierten-Zahlen auch so bleibt.

Man ist eigentlich blöd, wenn man noch arbeiten geht und Steuern zahlt. Sagen viele. Vielleicht haben sie sogar Recht. Wo Berlin, zumal im Sommer, doch so schön ist! Es ist wirklich viel angenehmer, in einem Kaffeehaus zu sitzen als im Büro. Berliner Cafés sind eigentlich immer gut besucht, seit ich hier lebe, frage ich mich, ob das alles Menschen im Schichtdienst sind, die tagsüber viel Freizeit haben oder Touristen oder Tagträumer. Wobei das Personal eigentlich alles unternimmt, damit die Menschen zu Hause bleiben. Jahrelang habe ich Berlin-Besuchern das „Cafe Berio“ in Schöneberg empfohlen. Jetzt nicht mehr. Kürzlich verwandelte ein forscher Kellner mit dem Befehl „Musik!!“ den sonst eher netten, beschaulichen Ort in eine Disco. Eigentlich wollte ich, wie andere Gäste auch, dort nur in Ruhe Zeitung lesen. Ich teilte dem Kellner mit, dass die Musik schrecklich sei. Er sagte „Tut mir Leid“, aus seinem Blick sprach Verachtung und er machte keine Anstalten, den Missstand zu beenden, denn er wollte ja schließlich laut Musik hören. Gäste stören! Hauptsache Hauptstadt. Ich habe dann meinen Tee nicht getrunken, ihn bezahlt und bin gegangen. Man will ja wirklich nicht die Kellner im Techno-Rausch stören (Techno ist out! Seit Jahren schon!!)

Als Hauptstädter hat man sowieso Wichtigeres zu tun. Der „Bello-Dialog“ steht an. Wenn es noch an einem Beweis fehlte, dass Politiker die Wähler für völlig gehirnlos halten- hier ist er: Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) will das Berliner Hundegesetz modernisieren. Ich lese, dass es eine „nie dagewesene Kooperation zwischen Politik und Bürgern“ geben soll. Da möchte man doch dabei sein, auch ohne Hund! Ich bin ja auch die Zielgruppe, denn ich soll mich künftig mit Hundebesitzern und ihren Tieren besser verstehen. Ich mag Hunde, verstehe aber nicht, warum mir, wie gestern mal wieder, tatkräftige Kampfhunde ohne Leine auf der Straße entgegenlaufen. Das Gespräch mit ihren Besitzern suche ich traditionell nicht. Sie sehen nämlich nicht so aus als würden sie ein vernünftiges Gespräch führen können oder wollen. Sie sind stark, sie haben ihren Hund, das reicht für ein Großstadt-Dasein. Der „Bello-Dialog“ wird das bestimmt ändern, da bin ich ganz zuversichtlich und ganz bei Herrn Heilmann. Der lässt jetzt erst einmal viele Argumente sammeln und „im unvoreingenommenen Dialog gewichten“. Ich verstehe das so, dass die nörgelnden Bürger ein bisschen ruhiggestellt werden sollen, danach hofft man, dass die Angelegenheit so schnell wie möglich in Vergessenheit gerät. Klappt ja sonst auch prima. Zwei Bürgerforen und eine Sondierungskommission sollen für Ordnung sorgen. Die verschwinden dann auch elegant in der Versenkung. Wenn ich so etwas nur lese, gehe ich eigentlich schon lieber gleich ins Kaffeehaus.

Oder ins Museum. Gestern im Martin Gropius Bau: Eine Horde unzivilisierter Jugendlicher, die man vermutlich ins Museum geschickt hat, damit sie nicht in Einkaufscentern herumhängen oder die Arbeit der Hundekommission stören, steht vor Fotos der Fotografin Diane Arbus, mit denen sie nichts anfangen kann. Es gibt Menschen, die halten die Fotografin für einen der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, die Jugendlichen gehören jedenfalls nicht dazu. Man muss ihre Fotos nicht mögen, aber respektieren sollte man sie schon. „Die hat nur fette Leute und Transen fotografiert, was soll das?“, fragt eine Jugendliche, die aussieht, als hätte sie Tranquilizer und wer weiß, was sonst noch, eingeworfen. Immerhin kann sie schreiben, denn sie macht sich Notizen, das erfüllt mich mit Zuversicht, auch hinsichtlich der Renten. Wer bringt eigentlich Menschen bei, wie man eine Ausstellung besucht? Es ist ja gar nicht so schwierig: Wenn schon ein anderer Mensch vor einem Foto oder Gemälde steht, bedeutet das, dass er dieses betrachten will. Steht er einen halben Meter davor, bedeutet es dasselbe. Es heißt nicht, dass man sich dann einfach davorstellt, weil ja offensichtlich ausreichend Platz ist. Aber sonst war die Ausstellung wirklich empfehlenswert. Hauptsache Hauptstadt.

Wer sowieso lieber shoppen als in langweilige Museen geht, ist in Berlin in der Wilmersdorfer Straße richtig. Es ist eine der Straßen, die man, wenn man noch bei Verstand ist, zu meiden versucht: Belanglose Geschäfte, lieb- und sinnlose Massenware, dazu die üblichen Fastfood-Angebote und weitgehend ungewaschene Menschen. Aber bald wird alles gut. Das entnehme ich einer sonderbaren Geschichte in der „Berliner Zeitung“. Sie liest sich ein bisschen so, als hätte ein Anzeigenkunde, nachdem er die Redaktion monatelang unter Druck gesetzt hat, am Ende doch gewonnen, weil irgendjemand im Unternehmen die nicht vorhandene soziale Ader entdeckt und eine innovative Planstelle erfunden hat, für die es demnächst den selbst gestifteten Preis „Sozialer Unternehmer des Jahrhunderts“ geben wird. Geld regiert die Welt. Anders kann ich mir die Reportage „Straßenmeister Wetzlaff: Der Kümmerer“ nicht erklären. Der Mann hat zwar noch keine Uniform, weil die nicht rechtzeitig fertig wurde – ein Leben ohne Uniform ist in Deutschland eigentlich undenkbar – aber er tritt trotzdem tapfer und frohgemut seinen Dienst an. Der Kümmerer ist eine „Mischung aus Hausmeister und Kommunikator“ und wird, so lese ich gerührt, von einem Einkaufszentrum „spendiert“. Der Mann ist der erste von einem Einkaufscenter bezahlte Berliner, der vermutlich jene Aufgaben übernehmen muss, die die Stadt nicht mehr bewältigen kann, weil die Mitarbeiter sich um den „Bello-Dialog“ kümmern müssen. Der Centermanager will „mithelfen, das Image der Straße weiter zu verbessern“. Hütchenspieler und Kriminalität sollen nicht länger eine Chance haben. Wenn wir schon bei den Hütchenspielern sind, einige Jahre war Ruhe im Karton, jetzt stehen sie wieder überall herum, wann gibt es endlich einen „Hütchenspieler-Dialog“? Vermutlich gleich nach der Eröffnung des Flughafens.

Herr Wetzlaff jedenfalls soll in der Wilmersdorfer Straße nicht nur fegen, sondern auch ein Kommunikator sein. Er kann angeblich „heftig berlinern“, dann kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen. Außerdem hat er Pflaster und Verbandszeug dabei, wenn ein Kind mal hinfällt (früher haben sich dann die Eltern gekümmert), Lollis zum Trösten (ich nehme einen) und Leckerlis für Hunde (hier sehe ich nicht von der Hand zu weisende Kooperations-Ansatzpunkte für das Senatorenprojekt, man muss die Hunde dort abholen, wo sie stehen) sowie Tütchen für deren Hinterlassenschaften. Außerdem soll der Mann mit Passanten und Geschäftsinhabern über deren Probleme sprechen. Einen Herrn Wetzlaff für jede größere Berliner Straße und sämtliche Probleme wären gelöst. Wir müssen dann nur alle brav shoppen gehen, damit der ganze Zauber zuverlässig finanziert werden kann.

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