gno-derorkanbaum-1024x768_kleinVon Gisela Schütte. – Sturm Christian hielt, wie Orkantief Xaver, tagelang die Menschen in Atem. Erst mit der Ankündigung, dass der eine andere Baum zu Bruch gehen könnte, dann mit der Neugier, wie schlimm es denn wohl werden würde, dann mit unerwartet starken Windgeschwindigkeiten von bis zu 190 Kilometern unter anderem an den norddeutschen Küsten, mit tatsächlichen Schäden und der teuren Bilanz in Millionenhöhe für deren Beseitigung und schließlich mit dem allgemeinen Aufräumen.

So unterschiedlich wie Christians Wüten regional ausfiel, so verschieden ist auch der Umgang der Menschen mit dem Übel. In der Stadt schaut man in solchen Fällen der Feuerwehr hinterher, man beobachtet, wie lange es dauert, bis geborstene Bäume entsorgt, Straßen frei gemacht und Keller ausgepumpt sind (Das ging doch früher schneller, wo bleiben die denn!), man echauffiert sich über Busse und Bahnen, die gar nicht und noch länger unpünktlich fahren und man stört sich daran, dass die Müllabfuhr nach einer Woche die Reste der Verwüstung noch immer nicht beseitigt hat. Und man schließt gern mit der Bilanz, dass die Verantwortlichen meistens ziemlich überfordert sind.

Jetzt wohne ich auf dem Land in einer Gegend, wo Christian besonders wütend auftrat. Auf der Landstraße knickten Riesenbäume in Serie um. Rekordarbeit für die Freiwillige Feuerwehr. Ein Nachbar brauchte für eine Wegstrecke von 25 Kilometer mit dem Auto drei Stunden. Genug Grund zum Meckern. Aber Fehlanzeige. Er musste doch die Tochter abholen, und es war Sturm. Da fährt man dann eben mal drei Stunden. Und es ist ja alles gut gegangen.

Als in unseren Dorf die ersten Bäume auf die Straße kippten, sprangen flink die Nachbarn herbei. Natürlich hat hier jeder eine Motorsäge. Als mein Quittenbaum vom Stamm aus über die Hecke auf die Straße segelte, eilten unbeteiligte Autofahrer herbei und fassten an. Baum von der Straße, Krone am Tor anbinden, damit sie nicht weiter fliegt. Wie gut dass der Nachbar Segler ist, er hatte einen kräftigen Tampen zur Hand.

Am Meer kippten die Bäume in Serie vom hohen Ufer, bei den Nachbarn lagen die Obstbäume auf dem Rasen. Ein Strandkorb trat den Flug über den Zaun an, ein Trampolin wurde zum Ufo, ein Gartenhäuschen klappte zusammen, etliche Dachpfannen und Schindeln segelten durch die Gärten und auf meiner Terrasse landete eine Fensterverkleidung, offenbar von weiter her, denn die Farbe konnte ich nicht als nachbarschaftlich bekannt identifizieren.

Und am Tag danach: Preisfrage – gibt es ernste Schäden? Nichts, was man nicht beseitigen kann. Und so hatten die Hähne schon beim Morgenkrähen ernste Konkurrenz von Dutzenden von Motorsägen in der ganzen Umgebung. Hier kann man nicht über die säumige Müllabfuhr meckern, hier muss man selbst räumen. Meine Quitte war schon zerlegt, als ich morgens aus der Haustür kam. Der Nachbar. Und rundherum: Alle Straßen frei, niemand wartet auf die Feuerwehr oder die Angestellten der Gemeinde. Fazit: Schade um die Bäume. Aber was soll’s: Das gibt hervorragendes Kaminholz. Inzwischen wird schon gesammelt und kleingehackt. Alles hat eben eine gute Seite.

Das alles bedeutet nun nicht, dass auf dem Land die besseren Menschen leben. Nervensägen gibt es hier auch. Nur, dass die Abwesenheit der allumfassenden städtischen Infrastruktur dazu führt, dass man nicht wutschnaubend und vermeintlich immer zu lange auf einen immer unzureichenden Service wartet, sondern selbst zur Säge greift. Das löst Probleme schneller und kostengünstiger und spart erhebliche Nervenkraft. Also: Hin und wieder dörflich denken.

 Foto: Gisela Schütte