Unser Klassik-Experte gehört nicht zu jenen bösartigen Kritikern, die grundsätzlich alles in Grund und Boden schreiben, nur weil man ihnen als Kind vielleicht das Geigenspiel aufgedrängt oder die Violine weggenommen
hat. Für Martin U. K. Lengemann ist die klassische Musik Leidenschaft, die von Herzen kommt. Wir finden, das merkt man seinen Texten an! Für good-stories.de schreibt er seine kleinen und großen Erlebnisse mit klassischer Musik auf und erzählt uns, der Kauf welcher neuen CD sich wirklich lohnt.

Von Martin Lengemann. – Als ich gestern im Auto, aus dem Radio, die Nachricht erfuhr, der Dirigent Otmar Suitner sei im Alter von 87 Jahren in Berlin verstorben, nahm ich mir vor, daheim eine seiner Plattenaufnahmen zu hören und seiner zu gedenken. Daheim angekommen leerte ich den Briefkasten, stellte die schneenassen Schuhe in die Ecke, ging zum Plattenregal und wählte die 1. Sinfonie von Gustav Mahler, eine Aufnahme mit der der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Ich machte mir einen Kaffee, legte die Füße hoch und
lauschte der Platte. Nach etwa 20 Minuten ließ meine Aufmerksamkeit etwas nach und ich begann, meine Post zu sondieren. Besonders interessierte mich ein etwas dickerer Umschlag mit Wattierung. Beim Öffnen stellte ich fest,
der Umschlag enthielt ebenfalls eine Aufnahme der 1. Sinfonie von Mahler, allerdings keine historische, sondern eine „ganz frische“, Manfred Honeck und das Pittsburgh SO stellten ihre neueste Einspielung vor und ich hielt nun das Rezensionsexemplar in Händen. Um es kurz zu machen, ich hielt den Plattenteller an, um die CD aufzulegen. Eine richtige Entscheidung.
Nun sitze ich hier vor meinem Rechner und lausche schon zum zweiten Mal dieser fantastischen Neuaufnahme. Manfred Honeck hat es innerhalb kürzester Zeit geschafft, dem Pittsburgher Orchester, welches bereits in der
Vergangenheit zu den US-Spitzenklangkörpern gehörte, einen ganz speziellen „Honeck-Klang“ zu vermitteln. Honecks CD-Aufnahmen sind nicht nur musikalische Leckerbissen, sondern auch audiophile Highlights. Das japanische Label EXTON mit seinen Tontechnikern hat hier ganze Arbeit geleistet. Bereits im vergangenen Jahr präsentierte er uns eine der CDs des Jahres, mit seiner Interpretation des „Heldenlebens“ von Richard Strauss. Die Redaktion von good-stories.de wählte diese CD bereits auf den zweiten Platz unserer Jahres-Besten-Liste 2009.
Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass Manfred Honeck auf dem besten Weg ist, einer der großen Dirigenten des frühen 21. Jahrhunderts zu werden. Bei kaum einem anderen Dirigenten seiner Generation liegen musikalisches Genie, gesunde Bodenhaftung, verankert in einem fest verwurzelten christlichen Weltbild, und künstlerische Vision dermaßen im Gleichgewicht. Honeck sind Starallüren und wichtigtuerisches Gehabe scheinbar fremd. Nachdenklich, klar analysierend, wirkt Honeck in der direkten Begegnung. Als wir uns vor ein paar Monaten in Stuttgart zu einem Hintergrundgespräch trafen, schien ihm sehr daran gelegen, deutlich zu formulieren, was ihm wichtig ist und worum es ihm in seiner Arbeit geht. Angesprochen auf die Krise der Klassikbranche reflektiert er, dass junge Menschen heute kaum noch ernst genommen würden mit ihren Interessen und man Kinder gerne zu Prokofievs „Peter und der Wolf“
und zur Kinder-„Zauberflöte“ abschiebe, anstatt ihnen die große, geheimnisvolle Welt der großen Sinfonien oder von Wagners „Ring“  zu eröffnen.
Er sagt Sätze wie, „Kinder wollen gefordert werden“ und „Kinder wollen ernst genommen werden“ und er meint das so, wie er es sagt. Honeck ist mit seinen Anliegen und Ansichten manchmal unbequem, aber nicht, weil er zickig ist,
sondern weil sie ihm wirklich wichtig sind. Diese Kantigkeit und Geradlinigkeit hat ihn dahin gebracht, wo wir ihn heute hören, an die Spitze der Musikwelt.

Wir werden noch viel von Manfred Honeck hören. Ich freue mich darauf.

P.S.: Nachher werde ich mir noch die „Entführung aus dem Serail“ von Mozart anhören, unter der Leitung von Otmar Suitner – das konnte er besser als Mahler – vielleicht besser als die meisten Dirigenten seiner Zeit. Ich vermisse ihn schon jetzt.

Mehr über Manfred Honeck, inkl. Aller Konzerttermine, finden Sie unter:
http://www.ks-gasteig.de/index.php?id=54