gnodrloges-nov2013_tumorzellen_10112013Von Gisela Schütte. – Wir lesen es immer wieder in der Zeitung: Eine prominente Persönlichkeit, nehmen wir die Sängerin Anastacia, erkrankt an Krebs. Sie kämpft tapfer und öffentlich. Sie wird gesund. Aber nur scheinbar. Nach ein paar Jahren ist der Krebs wieder da.

An derselben Stelle oder anderswo. Warum ist das so? Schuld sind schlafende Tumorzellen, die irgendwo im Körper untertauchen, die Therapie überleben und irgendwann den lebensgefährlichen Wachstumsprozess neu beginnen.

Die Erforschung dieser tückischen schlafenden Tumorzellen ist deshalb ein ganz wichtiges Feld im Kampf gegen den Krebs. Aber nur die genaue Kenntnis, wie die Prozesse im Körper ablaufen, öffnet die Türen zu neuen Therapien. So geht es darum, wie sich die Zellen vom Primärtumor aus auf den Weg in den Körper machen, wie sie die Immunabwehr des Organismus und die Therapien überleben und warum und wann sie zu neuer Aktivität erwachen.

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) befassen sich gleich mehrere Wissenschaftler-Teams mit der Erforschung der zellulären Mechanismen. So wurde jüngst die Nachwuchswissenschaftlerin Dr. Isabel Ben-Batalla aus der II. Medizinischen Klinik und dem Institut für Tumorbiologie im Oktober 2013 im Rahmen eines Krebskongresses in Wien für einen Beitrag ausgezeichnet, der Licht in die Abläufe bei der Krebsentstehung bringt.

Der Hintergrund: Trotz vieler neuer und immer besser wirksamer Medikamente können Krebserkrankungen nicht immer erfolgreich behandelt werden. Vor allem, wenn Tumore erst einmal Tochtergeschwülste (Metastasen) an anderer Stelle im Körper abgesiedelt haben, sind viele der betroffenen Patienten nicht mehr heilbar. Ziel muss es also sein, die einzelnen Tumorzellen aufzuspüren, die sich im Körper verborgen haben. „Diese Zellen befinden sich in einem schlafenden Zustand, in dem sie sich nicht teilen und deshalb auch eine Chemotherapie überleben können. Jahre später werden sie durch noch weitgehend unbekannte Signale wieder geweckt. Sie beginnen sich zu teilen und können so große, lebensbedrohliche Metastasen bilden“, erklärt Dr. Ben-Batalla. Deshalb sei es von großer Wichtigkeit, diesen Vorgang besser verstehen zu lernen. „Nur dann können wir Strategien entwickeln, um die schlafenden Tumorzellen abzutöten, bevor sie Organmetastasen bilden.“

Die Wissenschaftlerin arbeitet in einem Team, das die Privatdozentin Dr. Dr. Sonja Loges (Foto), Institut für Tumorbiologie und II. Medizinische Klinik des UKE, leitet. Die Forschergruppe hat nun entdeckt, dass ein bestimmter Eiweißstoff, das sogenannte „growth arrest-specific gene 6“ (Gas6), die Teilungsfähigkeit der schlafenden Tumorzellen anregt. „In Untersuchungen an verschiedenen Modellsystemen und direkt an Knochenmark von Krebspatienten haben wir herausgefunden, dass Tumoren durch eine Verminderung von Gas6 im Knochenmark ihre metastatischen Zellen in einen Schlafzustand versetzen. Dieser ermöglicht den Zellen, eine Chemotherapie zu überleben“, erläutert Dr. Loges. Gas6 – so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler – ist also ein möglicher therapeutischer Angriffspunkt, an dem man verhindern könnte, dass die schlafenden Zellen wieder aufwachen und neues Tumorwachstum entwickeln. Doch wie sich der Schalter umlegen ließe, das ist bislang noch Zukunftsmusik. Bis zur Entwicklung eines Medikaments, das den Prozess unterbricht, ist noch ein weiter Weg. Immerhin: Die Tatsache, dass der Kongress das Projekt „Primary tumors elicit dormancy of disseminated breast cancer cells in the bone marrow by downregulating Gas6“ jetzt auszeichnete, sieht Loges als Beleg, dass die Forscher auf dem richtigen Weg sind – und dass interdisziplinäre Zusammenarbeit sich auszahlt. Denn an der Forschung sind aus dem UKE neben dem Institut für Tumorbiologie, die Klinik für Gynäkologie, die Klinik für Unfallchirurgie und die II. Medizinische Klinik beteiligt.

Auch der Eppendorfer Professor Dr. Klaus Pantel, seit 2003 Chef des Instituts für Tumorbiologie, beschäftigt sich seit zwei Jahrzehnten im Rahmen unterschiedlicher Projekte mit dem Thema der schlafenden Tumorzellen. „Viele Menschen laufen mit Krebszellen im Körper herum, ohne das zu wissen. Wir wollen die im Blut zirkulierende Zellen so früh wie möglich aufspüren und näher analysieren – mit dem Ziel, eine Art Frühwarnsystem zu entwickeln“, erklärt Pantel, der in den vergangenen Jahren mehrfach für seine Forschungsarbeiten ausgezeichnet worden war, darunter 2010 mit dem Deutschen Krebspreis. Die Forscher müssen also die Tumorzellen im Blut aufspüren. Das geschieht mittels einer Kanüle, die in die Vene eingeführt wird. Mit der Spitze angeln die Forscher die Tumorzellen aus dem Blut, um sie dann zu entschlüsseln. Zwar seien die Grundzüge zwischen Primärtumor und Metastasen ähnlich, das bedeutet aber nicht, dass die Tumorzellen ihre Eigenschaften beibehalten. Aber nur durch genaue Kenntnis lassen sich die Therapien verbessern.

„In der Vergangenheit war es lediglich möglich, den primären Tumor auf seine DNA zu untersuchen. Heute können wir viele Detailinformationen aus einer einzigen Tumorzelle im Blut eines Patienten ziehen.“ Die Vision der Forscher sieht so aus, dass man in Zukunft bei den Patienten per Bluttest feststellen kann, ob die Therapie erfolgreich war oder nicht.

Foto: Felicitas Tomrlin, UKE