Haussuche am MeerVon Gisela Schütte. – Von der Stadtpflanze zum Landei – unsere Chefreporterin ist umgezogen. Von Hamburg aufs Land. Und hat bei ihrer Immobiliensuche so einige Abenteuer erlebt.  Nun sind alle 300 Umzugskisten ausgepackt und sie hat wieder Zeit zum Schreiben.

„Erst verkaufen, dann etwas Neues suchen.“ Diesen Ratschlag von Maklern wollte ich gern beherzigen, als ich einen Wohnungswechsel in Hamburg plante. Die Idee: Ein bisschen näher an den Stadtrand ziehen, ein wenig Distanz zu den Nachbarn gewinnen, die durch stetige Grundstücksteilungen in den vergangenen Jahren immer näher gekommen waren. Und mit ihnen ihre Musik, ihre Familienfeiern und ihre Ehekräche. All das, was ich durch den Hang zum eigenen Haus gern vermeiden wollte. Ja, und dann sollten möglichst noch aus dem Verkauf des bisherigen Domizils ein paar Taler für schlechte Zeiten übrig bleiben.

Doch Umbrüche im Leben lassen sich eben nur begrenzt durchplanen. Und so machte mir der verstärkte Trend in die Stadt und zur Verdichtung der grünen Vororte einen Strich durch die Planung, die ich auf ein paar Monate angelegt hatte. Kurz gesagt: Nach einer Woche war das Haus verkauft. Und wegen der knappen Planung der Käufer musste ich schnellstmöglich eine neue Bleibe finden, wollte ich nicht unter die Brücken Hamburgs ziehen.

Glücklicherweise ist das Angebot an Häusern zum Verkauf groß. Hunderte von Prachtvillen stehen am Stadtrand und im direkten Umland, dem Speckgürtel der Hansestadt, zum Verkauf, glaubt man den Angeboten. Da hat man die Wahl auf Heide oder Sachsenwald, auf Elbnähe oder südliches Schleswig-Holstein.

Herrlich. Dachte ich. So könnte man sich vielleicht verbessern und dabei noch sparen.

Kleinanzeigen, Makler-Portfolien und Internetportale waren gut gefüllt mit potenziellem Käufer-Material. Also durchsehen, gucken, mit dem Preislimit vergleichen und dann gegebenenfalls besichtigen.

Alles, was mit halbwegs gefiel, habe ich mir ausgedruckt (Entschuldige, lieber Wald, aber manchmal muss man Prioritäten setzen). Dann wurde sortiert und ausgewählt, was ich mir ansehe, dann, fast immer mit Freundinnen als Kontrollinstanzen gegen allzu schnelle Begeisterung, besichtigt.

Begeisterung? Klar, da gab es schon hübsche Häuschen, aber auch Probleme. Eines waren die Preise. Das wirklich Schöne war oft zu teuer, manchmal auch so überteuert, dass ich hätte draufzahlen müssen für den längeren Weg in die Stadt. Doch dazu kam ein Handicap, das ich nicht bedacht hatte: Zum Arbeiten brauche ich e-Mail und Internet. Und das gibt es in ganz vielen Regionen auf dem platten Land gar nicht oder in einem Tempo, das von der Postkutsche mühelos überholt würde.

Hinzu kam die Schönfärberei der Makler und Eigentümer, die aus einer krummen Hucke gern eine Villa machen und das auch noch mit Fotos dokumentieren, bei deren Betrachtung man sich fragt, wann und wie sie zu Stande gekommen sein können angesichts der Realitäten. Was für ein Blödsinn, man sieht es ja doch, wenn man vor der Tür steht.

Gleich mein erster Besichtigungsfall war so ein Beispiel. Von der Papierform her glaubte ich, mein Traumhaus schon gefunden zu haben, obwohl es eigentlich nach meiner Planung viel zu weit von Hamburg entfernt lag, in Nordfriesland. Aber das Reetdachhäuschen am Deich in großem Garten mit hohen Bäumen vor der Tür lag zu idyllisch und hatte zudem gleich nebenan ein kleines Holzhaus, das man als Gästedomizil nutzen könnte. Dachte ich.

Besichtigungstermin vereinbart. Und dann doch nicht warten können. Ein paar Tage vorher fuhr ich schon mal hin, um das Schnäppchen von außen zu betrachten und die Lage zu testen.

Fast hätten wir’s nicht gefunden. Im Nirgendwo am Deich gelegen, von den vielen Gartenquadratmetern nichts zu sehen, keine Bäume, sondern Strommasten, das Nebengebäude kurz vor dem Einsturz, das Häuschen in der Tat niedlich, aber in einer Senke gelegen, in der man im Winter das Wasser schon über die Schwelle schwappen sah. Wie eine Spinne schoss die Eigentümerin aus dem Haus, als wir vor der Tür hielten. „Kommen Sie doch rein, wenn Sie schon einmal da sind.“ Nein Danke.

Zwei weitere Häuser – ich hatte mich inzwischen von der Suche im engeren Speckgürtel verabschiedet und meine Recherchen nach einer neuen Bleibe auf 50 bis 100 Kilometer außerhalb der Stadt ausgeweitet – will ich erwähnen: Ein Haus am Plöner See, mit wunderbarem Wasserblick, akzeptablem Preis, feiner Ausstattung, direkt zum Einziehen. Aber kein Internet. Nichts zu machen. Ein zweites bei Eutin, sehr gepflegt, schöne Räume, hübscher Garten, guter Preis und Internet! Aber nebendran ein rumpeliger Bauernhof mit Hütten über Hütten und Rostlauben vor der Tür. Möchte man das täglich sehen?

So langsam wurde es terminlich eng. Natürlich gab es da akzeptable Häuser im Hamburger Umland, am Sachsenwald, in der Lüneburger Heide. Und zur Not könnte man bei Eutin einziehen. Aber die Begeisterung fehlte. Sollte ich ein Haus in schöner Stadtlage für ein langweiliges Domizil auf dem platten Land aufgegeben haben?

Also noch weiter weg von der Stadt? Einzugsgebiet Lübeck, Einzugsgebiet Kiel, Ostholstein, Angeln. Ich habe so viele Dörfer kennengelernt in diesen Wochen. Und dann gab es da ein Haus am Meer, architektonisch ein uncharmantes Potpourri aus 50er und 60er Jahren mit quietschblauen Bädern und steiler Treppe. Aber der Blick aufs Wasser! Ein Traum.

Also – ich habe Phantasie, schöne Möbel und Umbauideen – und dieser Meeresblick: Das Haus nehme ich. Dachte ich.

Zweite Besichtigung in Freundinnenbegleitung. Tja, sagte der Makler, da gebe es noch einen zweiten Interessenten. Ob ich denn noch etwas drauflegen würde auf den Preis. Blick aufs Meer: „Ja.“ Aber noch mal nachrechnen wollte ich. Und beim Weg von der Haustür zum Auto stieg der Ärger auf. Das mit dem Mitbewerber hätte man gern vor der zweistündigen Fahrt gehört.

Und dann fielen mir auch schon die ganzen „Abers“  ein. Das Dach müsste man decken. Die Fenster waren nicht OK. Eine neue Treppe wäre fällig. Und der Meeresblick bedeutete auch, steife Brise im Winter und hohe Heizkosten. Nach einem Frust-Sekt in der Dorfkneipe fiel der Entschluss: Abhaken und weitersuchen.

Aber das Dorf war so hübsch. Und die Leute so nett. An der Theke grübelten Fremde schon gleich einmal, wo es denn noch hübsche Häuser für mich geben könnte. Man wollte gern meinen Umzug aufs Land unterstützen. Denn so in der Großstadt, da waren sich alle einig, das wäre nichts für sie. „Zu ungesund.“ Und einer, der erst vor ein paar Monaten aus der Stadt zugezogen war, gab zu: „Man  lebt hier in einem ganz anderen Zeittakt. Manchmal muss man aufpassen, dass man nicht im Stehen einschläft.“ Naja, so ruhig muss es denn ja auch nicht sein. Aber hübsch ist es in der Tat.

Also neuer Versuch: Google, Dorf eingeben, Immobilie suchen.

Und da war mein Häuschen, nah am Meer, wenn auch nicht mit Meeresblick, eine schiefe Kate mit allerlei baulichen Mängeln, aber gutem Gestaltungspotenzial, ein  Haus mit Charakter und Geschichte.

Inzwischen ist alles gestrichen, 300 Kartons sind ausgepackt, der Garten ist aufgeräumt. Und das Beste: Lauter nette Nachbarn, frischer Wind vom Wasser, statt des „Hummers“, der mit donnerndem Auspuff in Hamburg morgens bei mir vorbeifuhr, sind es hier Traktoren, anstelle des lauten Radioprogramms vom Nachbarn höre ich morgens die Hähne von gegenüber.

„Wie halten Sie das nur aus in Ihrem Kuhdorf?“ Fragte mich ein stadtverliebter Kollege jüngst beim Besuch an der Elbe gerade in dem Moment, in dem mir auffiel, dass die Leute alle ungemein eilig unterwegs waren und niemand einen auf der Straße ansah, geschweige denn grüßte. Ich blieb stehen und betrachtete mir den Strom der eiligen Passanten mit den gesenkten Häuptern genauer. Auch das fiel niemandem auf, weil ja niemand guckte geschweige denn stehen blieb. Außer mir. Drei Monate Dorf hatten meine Schrittgeschwindigkeit für die Stadt bereits ruiniert. „Wie halten die das nur aus?“ dachte ich. Aber im Stehen einschlafen ist nicht. Ich schwör’s.