GNOWagner-Migraene-Fotocreditfehlt-1024x681_16082014Von Gisela Schütte. – Mögen Sie Wagner? Nein? Zu laut? Zu opulent? Die Bläser zu schrill? Für den Komponisten war genau das eine Erleichterung. Denn der Meister litt unter Migräne und setzte die Pein in Noten um. Das lässt sich im Werk des Künstlers ablesen. Wissenschaftler der Schmerzklinik Kiel haben das jetzt nachgewiesen und im renommierten British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht. „Die Erfahrung von Leid und Schmerz wird in der Musikgeschichte beispiellos treffend an vielen Stellen in Wagners Werken thematisiert und erlebbar gemacht“, sagt Professor Dr. Hartmut Göbel, Migräne-Spezialist und Chefarzt der Schmerzklinik Kiel.

Der Komponist wurde von tagelangen schweren Migräne-Attacken geplagt – und seine Qual prägte seine Kompositionen. „Richard Wagner hat sein Schmerzerleben in Musik, Dichtung und Inszenierung als Gesamtkunstwerk umgesetzt. Nachfolgende Generationen können so unmittelbar Richard Wagners Empfindungen und Wahrnehmungen miterleben“, sagt Göbel.

Die Forscher belegen das mit Beispielen: So beginnt der erste Aktes von Wagners Oper „Siegfried“ mit einem Brummen, das sich zu einem pulsierenden und hämmernden Rhythmus steigert. Dazu der Text des Sängers: „Zwangvolle Plage! Müh’ ohne Zweck!“ Für die Schmerzforscher hat der Komponist hier zweifelsfrei eine Migräne-Attacke in Musik umgesetzt. „Der klassische Verlauf eines Migräneanfalls lässt sich Takt für Takt an der Musik nachvollziehen.“

Darüber hinaus fanden die Forscher Passagen im musikalischen Werk Wagners, in denen der Komponist eine Aura, das sind die neurologischen Begleitsymptome einer Migräne mit Flimmern vor den Augen, in eine flirrende, flackernde Melodielinie mit Zick-Zack-Muster umsetzte, so beschreibt es Göbel. Die experimentelle Flimmerfrequenz, die sich im Forschungslabor während einer Migräneaura darstellen lasse, stimme mit dem von Wagner gewählten musikalischen Tempo überein.

Als nervöse Kopfschmerzen hat der Komponist selbst in Briefen sein Leiden beschrieben. Und auch in den Tagebuchaufzeichnungen von Wagners Gattin Cosima sind die Kopfschmerzattacken dokumentiert. Das stellten die Forscher bei Durchsicht von Wagners Aufzeichnungen und Briefwechseln fest. Danach ist dessen Werk zwar in vielen Bereichen von seinem Leiden inspiriert. Oft waren die Schmerzen aber auch so stark, dass er „nicht einen Takt mehr niederschreiben“ konnte. Nachweislich unterbrach der Komponist seine Arbeit an der Oper Siegfried und am Ring für mehr als ein Jahrzehnt.

„Zu Wagners Zeiten gab es noch keine effektive Therapie gegen Migräne“, sagt Hartmut Göbel. „Heute könnten wir sie wirksam behandeln.“ Bleibt die Frage: Wie hätte sich Wagners Werk angehört, hätte der Meister nicht unter Migräneattacken gelitten? In einem Video zur Publikation erklären die Forscher mit Musikbeispielen aus der viel beachteten Inszenierung der Oper Siegfried (2009) von Anthony Pilavachi am Theater Lübeck, wie Richard Wagner die Migräne in seinem Werk umsetzte.

Göbel CH, Göbel A, Göbel H: “Compulsive plague! Pain without end!” How Richard
Wagner played out his migraine in the opera Siegfried.
BMJ 2013;347:6952, www.schmerzklinik.de

 Foto: Jörg Metzner. Aufführung Theater Lübeck