Von Silvia Meixner.Busfahren in Berlin ist eine tolle Sache: Es gibt Destinationen, die kennt und braucht kaum jemand- und trotzdem fährt ein „Großer Gelber“ hin,  manchmal Tag und Nacht. Nur dürfen Sie niemals in den falschen Bus steigen!  

Unser Foto zeigt einen alten, aber zuverlässigen Bus in Neu Delhi, weil wir nicht glauben, dass wir mit dem Präsentieren eines Berliner Busses auch noch Werbung für das Unternehmen BVG machen sollten.

Neulich im M48:  An einem Samstagabend nehmen vier Jugendliche im ersten Stock ganz hinten Platz und stellen die Musik ihrer Handys an. Ist ja Saturday Night, da möchte man Unterhaltung haben.  Alle Fahrgäste sind genervt. Eine Frau bitte die Jugendlichen  höflich (höflich- vielleicht war das der Fehler?), die Musik auszumachen. Die Jugendlichen quittieren die Bitte der Frau mit lautem Kasernenhof-Gebrüll: „Hinsetzen! Umdrehen!“  Und sie verkünden, dass der Bus ihnen gehöre. Die zehn Mitreisenden starren mit unbeteiligten Gesichtern,  wie sie nur Großstädter aufsetzen können, aus dem Fenster. Film-Dreharbeiten etwa, schon wieder? Nein, das richtige Leben. Die Frau ist erbost und erhebt sich, um nach hinten zu gehen.  Nun eskaliert die Situation – die Jugendlichen werden aggressiv, die Frau bekommt Angst.

Die zehn Fahrgäste gucken zu oder aus dem Fenster. Niemand hilft. Ein weiblicher Fahrgast geht schließlich nach unten, um den Busfahrer um Hilfe zu bitten. Es ist eine unerfreuliche Tatsache, dass viele Berliner Busfahrer von sogenannten Fahrgästen attackiert werden, häufig scheinbar grundlos.  Aber wer schützt eigentlich Fahrgäste vor anderen Fahrgästen? Leider hat unser Chauffeur nichts von dem Zwischenfall im ersten Stock mitbekommen- man fragt sich, wozu die Busse eigentlich Videokameras haben. Der Mann hält seinen Bus mitten auf der Straße an, ruft die Polizei und dann tut er etwas Erstaunliches: Er öffnet den vier Jugendlichen, die von alleine vermutlich gar nicht auf die Idee gekommen wären, auszusteigen, hilfsbereit die Tür. Sie tun das, was jeder, dem Ärger droht und der noch bei Verstand ist, gemacht hätte: Sie machen sich aus dem Staub. Der Busfahrer, ein offenbar unkonventioneller Zeitgenosse, hält sich nicht lange auf- er fährt  auf und davon, die Polizei fängt die Jugendlichen trotzdem mühelos ein-  man kennt sich, es war ein harmloses Katz- und Mausspiel.

Die vier Jugendlichen hätten es, so erfährt die bedrohte Frau im Zuge der Klärung des Sachverhaltes, nicht leicht, sie kämen aus arabischen Problemfamilien. Dass man sich deshalb gleich einer  Gang anschließen muss, leuchtet nicht jedem ein, der in Berlin Bus fährt, aber muss ja auch nicht- es müssen Fragen bleiben im Leben, das macht das Dasein spannend.  Diese Gang jedenfalls, vier Freunde, macht  seit Monaten Ärger im Kiez. Kiez  ist jene romantische Ortsbezeichnung, die Menschen, die nicht in bestimmten Kiezen leben (müssen) – meistens Touristen- an Berlin so gern mögen. Und weil es gut gegen Langeweile ist, terrorisieren die Jugendlichen  die Buslinie sporadisch gleich mit. Pardon, Terror ist so ein unfreundliches Wort; außerdem handelt es sich ja beinahe noch um Kinder, die vier sind zwischen 14 und 15 Jahre alt. Was einen von ihnen nicht davon abhält, eine Zeugin des Vorfalls, die Frau, die nach der Polizei gerufen hatte, mit  „Du Fotze!“ zu beschimpfen.  Bitte, Frauen in Berlin macht das nur wenig aus, sie sind abgehärtet, das Leben ist kein Wunschkonzert und man wohnt schließlich in der Hauptstadt. Für Romantiker gibt es Orte wie St. Tropez in Südfrankreich oder Udaipur in Nordindien.   Man möchte allerdings schon gern wissen, was passierte, wenn man eine Schwester eines arabischen Jugendlichen mit „Du Fotze“ titulierte – dies nur nebenbei.

Die Frau, die sich bedroht fühlte, hat jedenfalls  schlechte Karten: Da die Jugendlichen, so erklären die freundlichen Polizisten, weder Sätze wie „Ich hau‘ Dir gleich eine rein“ oder „Ich bring‘ dich um!“ gesagt und auch nicht zugeschlagen hätten, läge rein strafrechtlich nichts gegen sie vor. So bleibt nur die Beleidigung  „Du Fotze!“, die eine Anzeige rechtfertigt. Darum ging es aber eigentlich gar nicht.

Worum es ging, Samstag abend, im M48 auf der Potsdamer Straße: Dass man nicht sagen darf, wenn die Handymusik der Mitreisenden stört, dass man sich sehr wohl bedroht fühlen kann, wenngleich auch niemand ein Messer zieht oder einem eine reinhaut, sondern „nur“ im Kasernenton herumbrüllt, dass zehn Augenzeugen einer solchen Situation konsequent aus dem Fenster starren –und dass  Zivilcourage in Berlin damit belohnt wird, dass man als Fotze bezeichnet wird. Und dass der Busfahrer, der ja auch ein Augenzeuge ist, einfach weiterfährt. Aber ansonsten war es ein schöner Samstag.

P.S. Als die Zeugin ein paar Tage später – bringt ja am Ende doch nichts außer Ärger- die Anzeige zurückziehen will, sagt der Polizist am Telefon tadelnd: „Nur dass Sie Angst vor diesen Jugendlichen haben, ist aber noch kein Grund.“  Er muss ja auch nicht täglich im M48 fahren.

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