gno-architektier-sept2013_09102013Von Gisela Schütte. – Der Architekt Helmut Jahn hat sich mit seinen Turmbauten zwischen Frankfurt und Las Vegas einen Namen gemacht, Frank Gehry schaffte es für sich und die kleine Stadt im Baskenland mit dem Guggenheim Museum in Bilbao, Adrian Smith vom Architekturbüro Skidmore, Owings and Merrill profilierte sich gar mit dem 828 Meter hohen Khalifa-Turm in Dubai. Alle diese Baumeister wurden von einem gewaltigen Team unterstützt, das nach jahrelanger Planung mit mächtigem technischem Equipment die Rekord-Architekturen aus Beton und Stahl hochzog.

Und dann gibt es da Baumeister, die haben weder Bagger noch Zeichnung. Sie arbeiten buchstäblich nach Schnauze oder Schnabel und bringen dennoch Erstaunliches zu Stande – das hält und auch noch schön ist. Diesen Konstrukteuren hat der Frankfurter Photograph Ingo Arndt ein Buch gewidmet: Architektier heißt der jüngst erschienene Bildband, zu dem Professor Dr. Jürgen Tautz den Text verfasste.

Ein Buch zum Staunen. Hier kann man betrachten, was die tierischen Architekten mit Schnabel und Füßen, mit Sand, Spucke, Zweigen, Gras und Papier so alles hinkriegen. Die Bajaweber zum Beispiel, kleine Vögel, die aus grünen Halmen ihre Nester-Kojen weben. In der Sonne getrocknet überstehen die Unterkünfte sogar Tropenstürme. Mit vielfältigen künstlerischen Talenten gesegnet ist der Hüttengärtner, auch ein Vogel, der in Papua-Neuguinea lebt und dessen ungewöhnliches Nest unser Foto zeigt. Er baut nicht nur eine schöne Laube mit aufragendem Gewölbe, sondern platziert darin hübsch säuberlich, wie in einer Schaufensterauslage, allerlei Waren – Obst, Blüten, Pilze, Zivilisationsmüll, und dann tanzt er auch noch, um die Dame seines Herzens zu beeindrucken. Die Roten Waldameisen schichten riesige Hügel auf, als Wohnsitz für Hunderttausende, die Spinifex-Termiten in Australien bauen in ihre meterhohen Türme sogar eine Art Klimaanlage ein, die ihnen eine für sie optimale Innentemperatur von etwa 30 Grad verschafft. Und unsere heimischen Wespen – auch wenn sie noch so sehr auf dem Pflaumenkuchen nerven: Ihre Nester sind schon feine, leichte Meisterwerke der Architektur, und das aus gekautem Holz und Spucke. Australische Weberameisen bauen mit Blättern, Eurasische Zwergmäuse weben sich kugelförmige Nester, und das Great Barrier Reef ist die größte je von Tieren geschaffene Konstruktion der Welt. Ohne Bagger und ohne Statiker, Herr Jahn, Herr Gehry und Herr Smith.

Der Photograph Ingo Arndt hat den tierischen Baumeistern mit seinem Buch und einer Ausstellung ein Denkmal gesetzt. Dabei brauchte er oft selbst konstruktive Phantasie, um sich zu tarnen, damit er den kleinen Architekten nahe genug kommen konnte. Sechs Monate im Jahr ist der Frankfurter auf Reisen. Seine Reportagen werden in renommierten Magazinen wie GEO, National Geographic, BBC Wildlife und Terre Sauvage gedruckt, als Bücher veröffentlicht und seine Bilder in Ausstellungen gezeigt. Aktuell in Hamburg im Wälderhaus der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Landesverband Hamburg e.V. (SDW) auf der Elbinsel Wilhelmsburg (in Zusammenarbeit mit GEO, vom 19. Oktober 2013 bis zum 28. Februar 2014). Dort stellen sich die tierischen Baumeister in der Nachbarschaft der Gebäude, die gerade jetzt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung für die Gegenwartsarchitektur werben.

www.waelderhaus.de

Foto: Ingo Arndt

Das Buch:
Architektier, Ingo Arndt, Text Prof. Dr. Jürgen Tautz, Knesebeck Verlag, 49,95 Euro