Kaninchen bellen nicht, KronleuchterVon Silvia Meixner. – Berlin. Tag der Erinnerung. Erinnern an einen Tag des Grauens und der Freude. Reichspogromnacht und Fall der Mauer. Geschichtliche Meilensteine für mein zweites Heimatland. Gedenken an Unbekannte, die ermordet wurden und Erinnerungen an ein Stückchen miterlebte Geschichte. Darf man an so einem Tag jubeln und weinen gleichzeitig? Manchmal ist das Leben so. Die meisten Menschen haben sich weder die Reichspogromnacht noch den Fall der Mauer ausmalen können. Bis es passiert ist.

Als die Mauer fiel, war ich in München und arbeitete für das Magazin „Bunte“. Ich war erst seit ein paar Wochen in Deutschland, Begriffe wie „Migrationshintergrund“ oder „Hartz IV“ waren noch kein Thema und kein Mensch wusste, was Taliban sind. Ich werde niemals die Freude und die Tränen meiner Bürokollegin vergessen, die hemmungslos schluchzte, als wir wie gebannt vor dem Fernseher saßen und die Mauer fiel. Dabei waren wir doch im Lifestyle-Ressort und von morgens bis abends cool! Sie war Berlinerin und wollte nur noch eines: schnell nach Hause. Mitfeiern. Jubeln. Glücklich sein.

Erst kamen die Prophezeiungen, dann verblühten einige Landschaften. Aber wenn man heute durch die neuen Bundesländer fährt, kann man an vielen Orten nur staunen. Schön ist’s geworden! Trotz aller Probleme. Ausländern fällt das auf. Diplomaten zum Beispiel loben Deutschland oft. Und anerkennen den Umstand, dass das Land in den letzten zwei Jahrzehnten tapfer durch diverse Krisen gerasselt ist und, quasi nebenbei, die ehemalige DDR in weiten Teilen saniert hat. Ein Milliardenprojekt, an dem andere Länder schon in der Planung gescheitert wären. Das muss den Deutschen erst mal einer nachmachen. Kein Botschafter, der diesen Umstand in einem Interview unerwähnt ließe. Warum fällt das nur so wenigen Deutschen auf?

Hier ist meine Liebeserklärung an Deutschland: Das Land ist herrlich. Berge, Seen, Meer, Städte, Dörfchen, alles da, alles ordentlich in Schuss und grandiose Landschaften. Wenn ich zum Beispiel auf Sylt bin, bin ich glücklich. Es gibt kaum einen schöneren Ort in Deutschland als einen Sylter Strand (schick oder nicht, das ist völlig egal). Und hinterher eine Fischsemmel. Dazu der herrliche Humor der Norddeutschen. Habe ich eben Humor geschrieben? Jawoll, Humor. Sie wissen schon, das Wort, vor dem die Deutschen sich immer so erschrecken, wenn sie nicht gerade Loriot heißen. Ich kann nicht klagen, ich habe viel gelacht in den letzten 20 Jahren. Und nachgedacht. Deutschland ist ein Land der Kultur, jawoll, Ihr seid die Erben Goethes und das ist ein schönes Erbe. Es muss niemandem peinlich sein, aus einem Land zu stammen, das für Dichter und Denker steht. Gestern Abend ein Gespräch. Eine Deutsche, eine Französin, eine Österreicherin. Und die Frage, warum die Deutschen immer so ernst sind. Warum sie als erstes im Ausland immer ihre Heimat schlechtmachen. Und so tun, als wären sie gar keine Deutschen. Denn die sind ernsthaft- und niemand möchte ernsthaft so sein. Das wird belächelt, weltweit.

Anfangs habe ich mitgelächelt. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum Ernsthaftigkeit eigentlich belächelt werden muss. Heute bestaune und respektiere ich sie. Wenn ich irgendwo auf einem Flughafen strande, denke ich mir oft: In Deutschland wäre Dir das nicht passiert (in meiner Heimat Österreich schon eher, aber da ist zumindest der Kaffee besser, wenn man warten muss). Die Deutschen haben ihr Land im Griff. Man kann über Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit in einer Facebook-Welt lächeln- oder sie wertschätzen. In Deutschland wurde so viel erfunden, dass einem schwindelig werden kann, vom Auto bis zur roten Grütze – seid endlich stolz darauf! Bleibt weiterhin ernsthaft, ich halte das nämlich für eine herrliche Tugend. Ich lebe seit 20 Jahren hier und irgendwann habe ich begonnen, mich auf Reisen auf meine Rückkehr nach Deutschland zu freuen. Da habe ich gewusst, dass ich eine zweite Heimat habe. Mit lieben Freunden. Ein Geschenk. Danke.

P.S.: Ihr hättet die Revolution im Sommer machen sollen. Da kann man besser feiern.

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